Der Hamburger Süden in Zeiten der IBA: Aufruf zur Nichtbeteiligung an einer städtischen Höherverwertungsstrategie

Die Stadtteile Wilhelmsburg und Veddel sind im Jahr 2013 Schauplatz der Internationalen Bauausstellung (IBA) und der Internationalen Gartenschau (IGS). Was sich zunächst liest wie die zufällige Auswahl von Schauplätzen, stellt sich als von zwei privat agierendenden städtischen GmbHs durchgeführte konzentrierte Form der Stadtentwicklung dar. Sie hat zum Ziel, die vormaligen Schmuddelecken im Süden der Stadt attraktiv aufzubereiten und eine marktgängige Reformulierung des Images dieser Gebiete vorzunehmen.

Urbane Pioniere bespielen Hamburgs Hinterhof…

Neben der kampagnenartigen Imageveränderung und höheren Verwertung der Gebiete liegt der Schwerpunkt der Bemühungen auf der Anwerbung von erwünschter Klientel. In impliziter Abgrenzung zu der real existierenden Bevölkerungsstruktur wird die Herstellung von sozialer Mischung und die Rückkehr einer vornehmlich deutschen Mittelschicht in die Stadtteile propagiert. Was mit der erfolgreichen Subventionierung von studentischem Wohnen auf der Veddel und anschließend auch in Teilen des Wilhelmsburger Reiherstiegviertels begann, wird in den Entwürfen der Bauausstellung fortgeführt. Die Zielgruppe speist sich nicht mehr aus den aus innerstädtischen Gebieten verdrängten potentiellen PionierInnen, sondern richtet sich mit hochpreisigen Wohnangeboten explizit an eine „neue urbane Mittelschicht“. Soziale Mischung fungiert hier einmal mehr als Metapher, die in Abgrenzung zu einem nicht näher bezeichneten aktuellen Zustand positive Assoziationen von funktionierenden Stadtvierteln weckt und die synonym für die Verdrängung unrentierlicher Bevölkerungsgruppen steht.

Der Markt reagiert…

Folgen dieser Politik zeigen sich bereits heute, zwei Jahre vor dem Präsentationsjahr 2013. Durch die erfolgreiche Imagekampagne erscheint Wilhelmsburg als attraktiver Standort, was auf dem Wohnungsmarkt deutlich spürbar ist. Das Monitoring der Internationalen Bauausstellung attestiert den Angebotsmieten in drei Jahren eine Steigerung von 21%. Neben privaten demonstrieren gerade die VermieterInnen mit „sozialem Auftrag“, wie die SAGA-GWG und die Genossenschaften, die zudem oft IBA-verpartnert sind, dass sich die Mieten nun regelmäßig um das jeweils gesetzlich Mögliche erhöhen lassen. Die Kehrseite der Aufwertungen zeigt sich zudem in den nicht von diesen Entwicklungen betroffenen Gebieten. Hier sind die Menschen in zunehmendem Maße Wohnsituationen ausgesetzt, die durch Vernachlässigung und Ignoranz der VermieterInnen geprägt sind (vergleiche den Artikel zum Wilhelmsburger Bahnhofsviertel in dieser Ausgabe). Die Umstrukturierungen in Wilhelmsburg sind also gerade nicht an den strukturellen Problemen ausgerichtet, mit denen Menschen dort konfrontiert sind, sondern beziehen sich aus der Perspektive städtischer Planungen auf das Image des Ortes und die Bevölkerung, die als Hauptprobleme des Gebietes identifiziert werden.
Ungeachtet dieser Kritiken stehen die Umstrukturierungen in der Außenwahrnehmung in einem günstigen Licht dar. Teil der Strategie ist die Darstellung als nachhaltiges Projekt, das an den Lebensbedingungen der Menschen ansetzt. „Beteiligung“ und Einbindung potentieller Kritik sind Mittel zum Erreichen dieses Eindrucks.
Die Binsenweisheit, dass die Beteiligung der Menschen grundsätzlich zu einer erfolgreichen Stadtentwicklung gehöre, nimmt in den Veröffentlichungen der IBA die Form eines Mantras an. Vielfältige Beispiele zeugen jedoch eher von einer aufwändigen Akzeptanzbeschaffung. So werden im Rahmen von Festen und Befragungsaktionen zwar Wünsche für die Entwicklung des Stadtteils erhoben oder der jeweilige Bezug zum Begriff Heimat abgefragt, allerdings ohne dass die Planungen davon beeinträchtigt worden wären oder gar formell die Möglichkeit bestand, Einfluss zu nehmen.

Und alle sollen mithelfen…

Während offizielle Beteiligungsgremien in ihrer sorgfältig ausgewählten Besetzung die Planungen wohlwollend zur Kenntnis nehmen und der Eindruck erzeugt wird, alles geschähe ganz nach Wunsch der Menschen im Viertel, ist gerade die IBA erfolgreich darin, kritische Positionen durch Einbindung untergehen zu lassen. Seit ihrem Bestehen wendet sich die Bauausstellung explizit an KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen und AktivistInnen und bietet in großem Stil eine Teilnahme an einem der flankierenden Programmteile an. Die Darstellung von Kritik auf Festivals, Fachtagungen und in Veröffentlichungen ermöglicht es der IBA, sich das Image zu geben, offen und progressiv zu sein. Der IBA gelingt es dabei relativ gut, ihr tatsächliches Handeln unter dem selbsterzeugten Schutzmantel des Positiv-Images unbeeinflusst zu verbergen. Angesichts dieser systematisch verfolgten Einbindungsstrategie erscheint uns die Vorstellung absurd, mittels temporärer Freiheitsgewinne, die mit einzelnen Projekten vielleicht erreicht werden können, die negativen Folgen einer Kooperation mit dieser Stadtentwicklung aufzuheben. Im Gegenteil bestärkt die Mitarbeit den Anspruch der IBA, im selbstverständlich „IBA-Gebiet“ genannten Bereich die Rahmung für alles Denken und Handeln zu sein. Durch diese Einbindung findet eine Enteignung genau des widerständigen Potentials statt, das wir der offiziellen Stadtentwicklung entgegen zu setzen haben. Von den Angesprochenen für Kunstfestivals, Beteiligungsgremien, Buchveröffentlichungen und Stadtteilveranstaltungen wünschen wir uns ein Verhalten, wie es die KünstlerInnengruppe „Museo aero solar“ in ihrem offenen Brief beschreibt. Sie haben es nach der Beschäftigung mit der IBA und dem Stadtteil – analog zu der norderelbisch geführten Diskussion – auf den Punkt gebracht: „Not in our name, IBA Hamburg“. Durch Mitspielen bei den Programmen der Stadtentwicklung wird deren Inhalt nicht zu drehen sein. Auf der Basis der Recht-auf-Stadt-Bewegung in Hamburg können wir die Enteignungen, die im Rahmen der IBA an uns herangetragen werden, selbstbewusst zurückweisen und die städtische GmbH kritisieren als das was sie ist: Eine Agentur zur Höherverwertung und Vermarktung von großen Gebieten dieser Stadt.

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