Stadtentwicklung zu betreiben, ohne zumindest den Schein zu wahren, die Menschen vor Ort einzubeziehen, ist in aktuellen Planungsdebatten inzwischen undenkbar. Das wissen natürlich auch die beiden genannten Institutionen, die zudem angetreten sind, exemplarisch „die Stadtentwicklung der Zukunft“ durchzuführen. Folgerichtig laden sie regelmäßig zum „Dialog“ über die Entwicklungen im Stadtteil. Grund genug, sich zu fragen, was die Begriffe „Dialog“, „Bürger“ und „Beteiligung“ im „IBA-Land“ eigentlich bedeuten.
Am Mittwoch, den 13.4. war also geladen zu einem Bürgerdialog im Bürgerhaus Wilhelmsburg. Bei einem „Markt der Projekte“ waren Hochglanzdarstellungen der einzelnen Projekte der beiden Gesellschaften zu betrachten, während zu den einzelnen Projekten MitarbeiterInnen bereit standen, auch wirklich jedem die unglaublichen Innovationen zu vermitteln, die in Form der Projekte über Wilhelmsburg hereinbrechen. An der Veranstaltung nahmen in etwa 150 Menschen teil, die sich – dem Format angepasst - zu großen Teilen aus dem bürgerlichen Wilhelmsburger Initiativenspektrum und Angestellten von IBA/IGS, zumindest aber aus einem deutschen Mittelstand rekrutierten. Bereits hier werden die Schwächen eines Formates deutlich, das zwar zu einem Dialog einläd, von den Menschen, die in Wilhelmsburg leben, aber nur einen kleinen Prozentsatz erreicht. „Bürger“ in diesem Sinne sind diejenigen, die sich der Form des Dialoges unterwerfen, die dieses Format vorgibt. Nur diesen wird der „Dialog“ angeboten - und wie dieser aussieht, wird noch zu berichten sein.
Schon bei beginnender Veranstaltung wurde unterbrochen, das „Netzwerk Wilhelmsburg Veddel“ verlieh Heiner Baumgarten und Uli Hellweg ironisch die goldene Axt für besondere Verdienste bei der „Bekämpfung unziviliserter Grünräume“, der Privatisierung öffentlicher Flächen sowie der Steigerung des Mietniveaus und der daraus folgenden Verdrängung finanziell Schwächerer aus dem Stadtteil. Begleitet von lautstark solidarischen IBA-Fans und einer hilflosen Moderation dauerte das Spektakel etwa 10 Minuten, bis die Veranstaltung dann doch wie geplant starten konnte.
Damit diese auch reibungslos verlaufen konnte, wurde im Anschluss die Bedeutung des Wortes „Dialog“, so wie es durch IBA und IGS verstanden wird, deutlich. Die unsägliche Moderation („also ich finde es ja toll, was hier passiert“) führte die beide Geschäftsführer in einer entspannten Runde durch ihre Lieblingsprojekte, und selbst in der Frage der Verlegung der Reichsstrasse wurde es nicht sonderlich kontrovers. Um störendes Genörgel des als begriffsstutzig eingeschätzten Publikums zu vermeiden, kam es zunächst 45 Minuten nicht zu Wort, während sich auf der Bühne die Bälle zugepaßt wurden.
Erst gegen Ende, als die Zeit dann auch schon knapp wurde, wurde die Möglichkeit, EINE Frage zu stellen, an das Publikum gegeben („aber nicht noch eine Frage, wir müssen die Veranstaltung schon bald schließen...“). Die durchgehend kritischen Anmerkungen wurden von Baumgarten und Hellwegpariert, in der Manier einer Audienz rechtfertigten die Planer die stattfindenden Maßnahmen, immer in dem Wissen, besser Bescheid zu wissen als das Fussvolk, das sich spätestens 2013 noch über die Resultate freuen wird, auch wenn es das jetzt noch nicht weiß.
Letztlich war die Veranstaltung ein Lehrstück dessen, was „Beteiligung“ in der „Stadtentwicklung der Zukunft“ bedeutet. Bereits durch die Präsentation der Projekte ist Beteiligung erreicht, noch nicht einmal der Schein, das Meinungen und Stimmen aus dem Stadtteil in die Planungen einbezogen werden, wird gewahrt. Die durch und durch hierarchische und autoritäre Veranstaltung ist ein Musterbeispiel dafür, dass die Vorstellung, mit Institutionen wie der IBA und der IGS einen Dialog führen zu können, durch einen offensichtliche und dreiste Akzeptanzbeschaffungsshow ad absurdum geführt wird.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|

Kommentar hinzufügen